Handel ist Wandel lautet einer dieser uralten Weisheiten, die gleich neben dem Spruch Der Ball ist rund in die Vitrine des Sprücheklopfermuseums gehört. Allerdings kommt man nicht umhin festzustellen, dass der Wandel immer schneller wird. Wo im Textilgeschäft früher zwei Saisons dominierten und gesamte Wertschöpfungsketten auf diesen Turnus ausgerichtet waren, findet jetzt ein Stakkato von Kollektionen bei den Vertikalen statt, deren prominentestes Opfer der dicke, halbjährliche Quelle-Katalog ist. Neuprodukte und –innovationen müssen heutzutage innerhalb weniger Wochen Penetrationen erreichen, die früher Jahresziele waren, wollen sie nicht als Flops eingehen. Und außerhalb des Handels hat nach dem unvergleichlichen Einbruch des Jahres 2008 an den Börsen ein unvergleichlicher Zuwachs 2009 die Wirtschaft in Atem gehalten.
Diese Dynamik spiegelt sich auf wieder in den Antworten der Logistikverantwortlichen im Handel bei einer aktuellen, gemeinsamen Befragung von EHI Retail Institute und Frauenhofer Gesellschaft. „Zunehmende Marktdynamik“, „Konjunkturelle Lage“, „Stark schwankende Nachfrage“, „Änderungen der Einkaufsgewohnheiten“ waren vier unter den zehn meist genannten Rahmenbedingungen, unter denen die Logistik operieren muss.
Wie reagiert nun der Handel? Es gibt zwei Handlungsmuster. Er kann zum einen versuchen, die Planung zu verbessern. Das Stichwort heißt hier „Forecasting Systeme“. Aber wie verbessert man ein Forecasting bei sprunghaften und diskontinuierlichen Märkten. Dies ist eine Wissenschaft für sich, in deren Nische sich einige Software-Spezialanbieter profilieren. Immer 38% der Unternehmen gaben den Einsatz solcher Systeme an.
Das andere, sehr viel häufigere Reaktionsmuster setzt darauf, nicht die Dynamik vorauszusehen, sondern auf sie zu reagieren. „Flexibilisierung von Arbeitszeiten“ (aktiv betrieben bei 88%), „Reduktion von Lagerbeständen“ (80%), „Regionalisierung von Beschaffung und Distribution“ (70%) sind hier die wesentlichen Stellschrauben.
Ganz offensichtlich kann der Handel nur zu einem gewissen Grad die extern vorgegebene Unsicherheit der Märkte intern puffern, sondern lädt einen Teil dieses Risikos bei den Geschäftspartnern ab oder konzipiert gleich die gesamte Lieferkette neu. Für den Lieferanten liegt im Risiko aber auch die Chance: gelingt es durch eine enge Kooperation mit dem Handel schnell auf Schwankungen reagierende Liefersysteme einzuführen, kann eine mittelfristige engere Kundenbindung mehr Sicherheit auch in insgesamt unsicheren Zeiten geben.
Logistik in unsicheren Zeiten
27. September 2010 — Analyse
Markenstrategien im Supermarkt
16. Juli 2009 — Medien
Während ich im Urlaub die Sonne geniesse, hat der WDR5 unter der Überschrift Das Grosse Umräumen einen Beitrag veröffentlicht, der das Phänomen Handelsmarken untersucht.
Wie häufig in Medienberichten schwingt eine gewisse Kritik mit, die Qualität der Produkte leide aufgrund der Nachfragemacht des Handels und des profitgetriebenen Drucks, den dieser auf die (bemittleidenswerten) Hersteller ausübe.
Sicherlich eine Ansicht, die zur Diskussion fordert. So offenbart der Beitrag durch einige der O-Töne von Endkunden deutlich wie hoch deren Ansprüche an Produkt, Verfügbarkeit und Bequemlichkeit bei geringer Bereitschaft zu höheren Preisen ist. Diese Einstellung ist aus meiner Sicht ein ganz wesentlicher Ursprung des festgestellten Drucks. Er nimmt zunächst im Preiswettbewerb innerhalb des Einzelhandels Form an und wird dann sukzessive durch die Kette gereicht.
Sicherlich ein herausfordernder und hörenswerter Beitrag. Ich freue mich auf Kommentare!
Rolle rückwärts
9. März 2009 — Analyse

Die Geiz-ist-Geil Mentalität. In 2007 und zumindest der ersten Hälfte von 2008 schien sie endlich überwunden. Die Diskussion kreiste um den Mehrwert. Das Wachstum der Discounter verlangsamte sich. Der Supermarkt erfand sich als modernes Frische- und Servicekonzept neu. Bio boomte. Preiserhöhungen aufgrund knapper Rohstoffe. Eigenmarken verstanden sich nicht mehr als nur Preiseinstieg, sondern entwickelten sich zur Mehrwert-Eigenmarke unter Labeln wie REWE oder real,- Quality.
Schon heute erscheint dies wie eine andere Zeit. Untrügliches Signal ist das Vorhaben des belgischen Supermarktbetreiber Delhaize, die Notbremse zu ziehen und die vier deutschen Supermärkte, allesamt profiliert als Convenience- und Qualitätsführer, abzugeben. Viel deutscher ist, was Lidl als Imagekampagne im Fernsehen betreibt: Der Preis wird emotionalisiert: das günstige Erfolgserlebnis im Leben für nur 1,79 EUR. In Neckarsulm weiß man halt, was die Landsmänner und –frauen so richtig begeistert.
Insgesamt gibt sich der Einzelhandel und besonders der Lebensmitteleinzelhandel angesichts der Finanzkrise zuversichtlich. Man erwartet ein „stabiles Konsumklima“ und einen „konstant schweren Markt“. So wie der Aufschwung nie so richtig beim Handel angekommen ist, so werde auch der Abschwung nicht so heftig sein wie in anderen Branchen oder Ländern.
Gegessen wird immer, die Verlagerung geschieht vielmehr innerhalb der Sortimente. Der Preiseinstieg wird wieder salonfähig, die Preiserhöhungen des Frühjahres 2008 sind passe, vielmehr dreht man wieder in der anderen Richtung an der Preisschraube.
Dieser abrupte Kurzwechsel, von Mehrwert auf Discount, muss erst einmal auch in allen Köpfen der zuliefernden Industrien verarbeitet werden. Wie belebt man die ungeliebte reduzierte Ästhetik von Minipreisen und Verzicht neu? Gelingt das Umdenken und das Umsteuern schnell genug, bevor der Verbraucher weitergezogen ist zu denen, die ihre Preiswürdigkeit und Krisenfestigkeit besser und früher kommunizieren?
Dabei entwickelt sich noch eine neue Dimension. In Zeiten der globalen Krise scheint sich das deutsche Discountmodell zum Exportschlager zu entwickeln. Bisher war der Ruf und der Markterfolg im Ausland eher gering einzuschätzen, legt man den Erfolg im Heimatmarkt zu Grunde. Aktuelle Marktzahlen aus Großbritannien weisen nun Umsatzschübe von Aldi um ca. 25%, von Lidl um 12% auf, in den USA und Westeuropa verhält es sich ähnlich. Auch wenn es nicht die Liebe sondern das mangelnde verfügbare Einkommen ist, welches die Kunden nunmehr in die Discountmärkte triebt, es findet ein Lern- und ein Gewöhnungseffekt statt. Der europäische Kunde wird einer ihm ungewohnten Marken- und Produktsprache ausgesetzt mit Auswirkungen weit über das enge Discountsortiment hinaus. Eine Herausforderung für Konsumenten, Handel und Produktdesign gleichermaßen.